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Von Politik das Maul halten? Aber doch nicht beim Brenner. Wer was wissen will, steht hier an der Theke. Dorftratsch. Eine Kneipe in Neuenkirchen, wie einige andere im Münsterland. Und doch anders, besonders - hochprozentig. Der Brenner ist nah dran. Am geschehen. Und am Schnaps. Denn hier bestellt man beim Frühschoppen nach der Messe oder vor der Skatrunde am Stammtisch nicht einfach nur einen Korn. Hier kommt Wind auf den Tisch. "Nienkiärkske Wind". |
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Durch den Schankraum geradeaus an den Kegelbahnen und den Toiletten vorbei geht es in den Hof. Stühle und Tische stehen hier unter Sonnenschirmen. Biergarten-Atmosphäre. Hier luden früher die Bauern ihre Kornsäcke ab, hier stand bis 1978 die Fabrik, aus der scharfe Gärdämpfe waberten. Die Halle ist weg, der Brennkessel und die Bauern sind es auch. Aber hinten links, in den übrig gebliebenen flachen, efeu-umrankten Gebäuden aus dem vorherigen Jahrhundert, wird noch angesetzt, gerührt und gemixt. |
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"Kopf einziehen", sagt Paul Niehues. Er ist der Brenner. Auch wenn er nicht mehr wie seine Vorfahren Maische siedet und dem würzigen Korn Alkohol entlockt, geht er doch dem alten Handwerk seines Vaters, Großvaters und Urgroßvaters nach: Er destilliert. Wie ein mittelalterlicher Alchemist hortet Paul Niehues Kräuter, Johannisbeeren, Pflanzen und Pflänzchen auf dem dunkeln Dachboden, wo sie zum Trocknen aufgehängt sind. |
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Unten, im niedrigen Schnapskeller, stehen Fässer, Tonkübel, Kupferkannen, Schöpfkellen - und der Kornbrannt
in einem unscheinbaren Fass. "Den kaufen wir bei der Kornbranntwein-Verwertungsstelle in Lüdinghausen",
sagt Paul Niehues. Die Basis aller Alchemie: 96-prozentiger Alkohol. Früher wurde er in der Halle über
den Hof aus Korn gebrannt. Heute gibt es den Sprit weniger romantisch im Edelstahlfass, 280 Liter für 1700 Mark.
Plus 7000 Mark Branntweinsteuer.
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Drinnen in der Kneipe diskutieren sie sich die Köpfe heiß. Politik, was sonst. Einer vom Bauamt ist da und der frühere Fraktionsvorsitzende. Sie reden laut, sie reden platt - rau, aber herzlich. "Eine Runde Wind" - Paul Niehues schenkt nach. 1948 hat sein Vater den Halbbitter erfunden. Fünf Stück, dazu frische Luft, und die Knie knicken ein - "das gebe ich dir schriftlich". 42 Umdrehungen, mehr Zucker als Alkohol - "das ist selten" - und 21 Kräuter. |
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Im Schnapskeller ist es kühl. Paul Niehues zieht einen langen Holzstiel aus der Ecke. Kornbrannt und enthärtetes Wasser, Kräuter und Beeren mixt er nach geheimem Familienrezept zu "Nienkiärkske Wind". "Kirche und Wind" gebe es in Neuenkirchen, sagen die Alten. Beide gehören zusammen. Längst hat die Tourismus-Maschinerie das heimliche Markenzeichen für sich entdeckt: Planwagenfahrt zum Brenner nach Neuenkirchen. Ein Mahl, ein Wind, ein Blick in die Fuselkammer. Und auch beim neuen Bürgermeister steht ein Kistchen im Büroschrank. Für besondere Gäste. Und für ein Gläschen nach langen Ratsitzungen. |
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Temperatur und Lagerzeit machen den Geschmack aus, sagt der Brenner. Alles aufgeschrieben in alten, abgewetzten Handbüchern, in denen Vater und Großvater schon geblättert und ergänzt haben. Die Geschichte begann 1866, als Urgroßvater Heinrich den Grundstein für die Brennerei legte. Korn und Doppelkorn - "das war früher Grundnahrungsmittel", sagt Paul Niehues, Jahrgang 1951. Einfach und ursprünglich seien die Zeiten gewesen. "Schöne Zeiten." Heute geht in den Kneipen und Restaurants eher italienischer Grappa oder "dieser widerliche Magenlikör" über die Theke. Auch beim Brenner. Der musste der Umstellung seines Vaters folgen und den Betrieb ausbauen - mehr Gastronomie, weniger Brennerei. Gutbürgerlich. Saal Kegelbahn, Biergarten. Für dei Radtouristen, die es früher auch noch nicht gab. |
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"Man muss mit der Zeit gehen", sagt der Brenner. 100 Jahre lief
es gut dann rentierte sich die Brennerei
nicht mehr. "Gerade als ich meine Lehre und Gesellenprüfung als Kornbrenner und Destillateur abgeschlossen hatte,
machte mein Vater die Brennerei dicht." Aber ganz aufgeben wollte er das Handwerk seiner Familie nicht.
Ein paar Hundert Flachen pro Jahr, ohne große Vermarktung. "Häft ju noch datt Duorp Dröpken?" Er hat, der Brenner und holt das Steingut-Fläschchen aus dem Regal, schenkt der Stammtisch-Runde nach. |
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Zur 750-Jahr-Feier Neuenkirchens vor drei Jahren gab es etwas Neues vom Brenner. Eben das "Duorp-Dröpken", ein milder Kräuter-Likör, der im Festjahr reichlich über die Theke ging. Wie damals, als er das Duorp-Dröpken mixte, steht der Brenner auch heute wieder in seinem kühlen Schnapskeller. Es soll wieder etwas neues geben. Er stellt Kräuter zusammen, rührt in den Fässern, gießt Schnaps nach, schaut, riecht, blättert in den abgewetzten Heft mit den alten Tabellen seiner Vorfahren. Unterdessen weht um die alte Kornbrennerei der kühle, namensgebende Westwind, Neuenkirchener Wind. Drinnen im Schankraum, über den Hof mit den Biergarten-Bänken, an den Kegelbahnen vorbei, sitzen sie im Zigarren-Qualm und diskutieren sich die Köpfe heiß. Über Politik, über Gott und die Welt. Der Brenner aber vergisst die Zeit. Er ist im kühlen Fuselkeller. In seinem Element. |
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